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Raffael : Die Grablegung Christi

Pala Baglione, Borghese Grablegung
 
Dieses Jahr feiern wir den 500. Todestag des weltbekannten Malers Raffael. Aus diesem Grund schauen wir zu Ostern auf eines seiner wohl berühmtesten Meisterwerke. 

Es handelt sich um das Gemälde „Die Grablegung Christi“, (auch bekannt unter dem Namen „Pala Baglioni“) das der knapp 20-jährige Raffel im Jahr 1507 schuf und das sich heute in der Galleria Borghese in Rom befindet.

Das aussergewöhnliche Gemälde, Öl auf Holz, ist der zentrale Teil einer größeren Komposition, die im Laufe der Zeit in Stücke zerteilt wurde. Der Anlass für die Arbeit war ein schreckliches Blutvergiessen in Perugia im Jahr 1500.

Der junge und kühne Grifonetto Baglioni wurde das Opfer einer familiären Blutrache, im Kontext der Fehde, die unter den Bewerbern um die Herrschaft über die Stadt entfesselt worden war. Das Opfer war selber eine Hauptfigur in einem früheren, schrecklichen Blutbad gegen seine Angehörigen.

 

 

 

Die Mutter von Grifonetto, Atalanta Baglioni, identifizierte sich mit Marias Trauer über den Verlust ihres Sohnes und bat den jungen und vielversprechenden Raffael um ein Gemälde, das diesen Schmerz verklären sollte.

Raffael war, wie kaum ein anderer in der Lage, dies auszudrücken. Schnell wurde diese Darstellung der Abnahme Jesu vom Kreuz bekannt. Sie bekam eine wichtige Funktion in der darstellenden Kunst: den Schmerz der vielen Wunden des Lebens zu lindern, durch das Erbitten von Barmherzigkeit und Vergebung von Gott für alle.

Auf dem Hintergrund dieses Kunstbegriffs sind in den folgenden Jahrhunderten viele Darstellungen von "miserere- Bitten" entstanden, auf dass sich Gott erbarme. "Miserere nobis" betet auch die Liturgie. Unzählige Male wurden diese Worte in Musik umgesetzt, in dramatischen Kompositionen oft als Schmerzensschreie, oder aber als Pietà in plastischen Darstellungen der grossen Künstler. So hat die christliche Kunst im Laufe der Zeit die paradoxe Schönheit des Schmerzes, der um Hilfe bittet und fleht, herausgearbeitet.
Atalanta Baglioni, die ihren sterbenden Sohn in den Armen hielt, als er für seine Missetaten um Vergebung bat und seinen Angreifern verzieh, zögerte nicht, den Tod ihres Sohnes mit dem Tod Jesu in Verbindung zu bringen.   

Und das ist es, was Raffael, ein sehr junger, aber bereits ausgewiesener Maler, zu interpretieren wusste.

Wenden wir uns dem Werk zu. In der Mitte befindet sich in weiser Geometrie der leblose und blasse Leib Christi. Er wird von drei Männern getragen, von links Joseph von Arimathäa, dann Nikodemus, als Heiliger dargestellt, und ein schöner junger Mann, der ein Ende des Leinentuches hält. Er ist vermutlich das Abbild Grifonettos. Der Leichnam wird in die dunkle Grabeshöhle auf der linken Seite getragen. Zwischen Joseph und Nikodemus ein weinender Johannes. Die Gruppe wird unter einen klaren Himmel gestellt, was ein Zeichen der Hoffnung und eine Vorahnung auf Ostern ist. Der Leichnam Jesu wurde soeben vom Kreuz abgenommen, welches im Hintergrund auf dem Hügel von Golgatha sichtbar ist, noch immer umgeben von der Dunkelheit, die während seinem Leiden über die Welt hereinbrach.
 

Rund um Christus wird der Schmerz der frommen Frauen dargestellt. Diesen verdanken wir einen besonderen Impuls zur Betrachtung. 
In der Mitte, quasi als Erste, oder Zweite nach Jesus, erscheint Maria von Magdala, dargestellt, wie es eine alte Tradition will, als eine tief betrübte und bildhübsche Frau - die große Sünderin.* 

Die Farbunterschiede sind bei genauerem Hinsehen eines der berührendsten Details. Und um den Gegensatz noch mehr zu unterstreichen, malt Raffael Magdalena heftig weinend. Darüber hinaus verleiht ein starker Windstoß ihrem langen Haar eine fast unnatürliche Bewegung, als wolle er damit all die Leidenschaft ausdrücken, die sie für ihren Meister im Herzen trug. Raffael gibt ihr das Aussehen von Zenobia, der Frau von Grifonetto und stellt damit den Bezug zur Familiengeschichte her. 

 

*Anmerkung: Es war der heilige Gregor der Große, der es so interpretierte, der das Lukas-Evangelium erneut las und die anonyme Sünderin im Haus des Pharisäers mit Maria von Magdala in Verbindung brachte. Heute würde das, wie auch Papst Franziskus vorschlägt, nicht mehr in diese Richtung interpretiert werden...

 

Ihre schöne, durchblutete Hand, die Hand einer lebendigen Frau, hält die ihres Herrn, blass und kalt, fast grau.

„In den Gesichtern dieser Frauen sind viele Gesichter, vielleicht finden wir auch das deine und das meine. Wie sie mögen wir uns veranlasst fühlen, uns auf den Weg zu machen, uns nicht mit der Tatsache abzufinden, dass alles so enden muss. „

Hinter dem schönen jungen Mann erscheint rechts auf dem Gemälde, im Hintergrund, fast etwas versteckt, eine Ansammlung von Klageweibern.

Jesu Mutter Maria, die ohnmächtig wird und von den anderen frommen Frauen gestützt wird, ist in der Mitte. Diese Figuren, die immer noch im Halbdunkel von Golgatha stehen, sind jene vielen Frauen, die, wie das Markus-Evangelium sagt, Jesus schon in Galiläa folgten und ihm dienten (Kap. 15). 

Neben den drei Marien: Maria, seine Mutter (die hier das Gesicht von Atalanta Baglioni hat), Maria von Magdala und Maria, die Mutter von Jakobus, gab es "viele andere" Frauen, sagt der Evangelist.

Es ist nicht schwer, sich diese stille Präsenz jenseits des rechten Bildrandes vorzustellen. In Raffaels Darstellung sind die Frauen in der Mehrheit.

Die vielen Frauen, die schon immer das Leben Jesu umgeben haben, sind wie Papstes Franziskus in seinen Meditationen ausführt, ein absolut wesentlicher Bestandteil des göttlichen Heilsplanes, den es wiederzuentdecken gilt. In seiner Predigt in der Osternacht 2017 bekräftigt er dies als einen Punkt, hinter den es kein Zurück gibt.
 

„Im Gegensatz zu den Jüngern sind sie da… zwei Frauen, die fähig waren, nicht davon zu laufen, sondern auszuhalten, die fähig waren, sich dem Leben zu stellen, so wie es ist, und den Bittergeschmack des Unrechts zu ertragen. „

„Sie sind da“, genau das malt Raffael. 

Immer sind sie da, wie aus den verschiedenen Evangelien hervorgeht. Auch unter dem Kreuz und bei der Grablegung Christi sind sie zahlreich da. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Position der Frauen in Raffaels Gemälde auf einer Achse mit dem fernen Kreuz und vor allem mit der Figur seiner Mutter Maria liegt: ein offensichtliches Symbol ihrer Funktion als Miterlöserin. Sie, die Frauen waren es, die sich nach dem Begräbnis um Jesus kümmerten, ihn suchten, um ihm den letzten Dienst der Salbung zu erweisen, getrieben von einer tiefen Zuneigung: und ihnen zeigte er sich zuerst als Auferstandener.

In der orthodoxen Kirche nehmen die frommen Frauen, "Myrophorae - Myrrhenträgerinnen" genannt, einen zentralen Platz ein. Ihnen ist die Liturgie des dritten Sonntags nach Ostern gewidmet.

 

In Raffaels Gemälde ist neben den Frauen, die Jesus umgeben, auch Raum für all jene, die auf eine offenkundigere oder heimlichere Weise eine tiefe Zuneigung zu Christus leben und die zum Teil bereits erwähnt wurden.
Da ist der junge Johannes, der damals seinen Kopf an das Herz Jesu gelegt hatte. Hier presst er seine Hände zusammen, gefangen von Schmerz und Trauer.
Da ist Nikodemus, der Pharisäer, der sich von Jesus angezogen fühlte und ihm heimlich folgte. Er erkannte in ihm etwas Göttliches bis hin zur Anerkennung seiner göttlichen Sohnschaft. (Sein Gesicht in der Raffael-Interpretation hat viel Ähnlichkeit mit dem unvollendeten Matthäus von Michelangelo).
Da ist Joseph von Arimathäa, ein Jünger, der nicht im Vordergrund steht, aber bereit ist, dem Meister ein würdiges Begräbnis anzubieten, indem er ihm seinen eigenen Besitz zur Verfügung stellt: auch wir schulden Christus unseren Besitz.

Und da ist der gutaussehende Grifonetto, der im letzten Augenblick seines Lebens Christus um Vergebung bat. Eine eindringliche Mahnung an uns, dass die Anrufung Jesu unseres Retters bis zum letzten Moment möglich ist.

 

 

 

"Durch seine Wunden

sind wir geheilt".

                               

Weitere Einzelheiten verdienen eine Erwähnung. 

Die Wunden Christi, seine Wunden, so diskret, aber so gegenwärtig. Die christliche Kunst hat sie immer mit besonderer Sorgfalt und Ausdruckskraft dargestellt. So sehr, dass das christliche Volk in der Fastenzeit Maria anruft, damit die Wunden ihres Sohnes "in mein Herz eingeprägt" werden. Die Bedeutung wird durch die Erinnerung an die Prophezeiung Jesajas verstärkt: "Durch seine Wunden sind wir geheilt". Vielleicht ist es deshalb nicht zweitrangig, dass sich Raffaels Gemälde in der Kapelle der Familie Baglioni in S. Francesco al Prato befand. Eine Franziskanerkirche also, deren Gründervater selber die Wundmale Christi empfangen hat.

Unten links ist eine Pusteblume zu sehen, das letzte Stadium der Löwenzahnpflanze. Diese Blume wurde schon immer als Symbol für die geheimnisvolle Ausbreitung des Glaubens in der Welt verwendet, der wie die Samen vom Wind weitergetragenen wurde. 

Und ein letzter, sicherlich trauriger, aber aktueller Hinweis soll nicht fehlen. Christi Leib ist umgeben und auf dem Weg zum Grab begleitet von einer Reihe von Menschen. Heute haben viele Menschen, die durch die schreckliche Epidemie verstorben sind, keine Begleitung derer, die sie im Leben geliebt haben. Unser Herz zieht sich vor Schmerz zusammen bei dem Gedanken an diese extreme Einsamkeit.
Der Vergleich mit dem Werk Raffaels ist fast brutal, doch auch geheimnisvoll.
Möge dieses Kunstwerk uns begleiten in unserem Mitleid, unseren Erinnerungen, unseren Gebeten und Gedanken an die zahllosen verstorbenen Brüder und Schwestern.  

Artikel von Prof. Enzo Gibellato

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