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Das Ostergeheimnis

Das Ostergeheimnis umfasst alle Dimensionen des Menschenseins und des menschlichen Wesens, auch diejenige des sich-bildens und sich-ausbilden-lassens. Das Verb „bilden / ausbilden“ kann dem lateinischen Verb "Educere" zugeordnet werden, was so viel bedeutet wie: herausbringen, ans Licht bringen.

In dieser Osterzeit sprechen wir mit einem Experten dieses Gebietes: Professor Vittore Mariani, Pädagoge und Dozent an der Katholischen Universität Mailand, sowie Vorstandsmitglied am Forschungsinstitut mit Schwerpunkt: Menschen mit Behinderung und Randgruppen.

Schwester Dorina:  Sehr geehrter Herr Professor Mariani, im Buch, das Sie geschrieben haben: „Alla ricerca dell’umano. Riflessioni e proposte per vivere in tempo di crisi" (Auf der Suche nach der Menschlichkeit. Überlegungen und Vorschläge für ein Leben in Krisenzeiten), steht ein Satz, der uns einlädt, den Wert des Bildungscharismas unserer Kongregation wiederzuentdecken. Sie formulieren eindringlich: "Es ist unabdingbar, wieder bei der Bildung zu beginnen". 

•    Warum diese Überzeugung?

Professor Mariani: In diesen Zeiten, die auf vielen Ebenen von einer tiefgreifenden Krise geprägt sind, bin ich davon überzeugt, dass es von grundlegender Bedeutung ist, sich für eine ganzheitliche Förderung der Person einzusetzen, sowie sich selbst entsprechend auszubilden. Dieser Prozess erfordert, dass wir uns auf eine dreifache, in sich vernetzte, Dynamik einlassen:

  • Empfangen: sich selber annehmen, um annehmen zu können;
  • Entdecken /wiederentdecken des menschlichen Potenzials;
  • Jeden Menschen dazu ermächtigen, sich als Individuum und einzigartige Person im gemeinschaftlichen, sozialen, zivilen und politischen Leben aktiv einzubringen, um nicht fremdbestimmt zu werden und Ereignissen ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Dies ist ein langer, umfassender und tiefgreifender Prozess.

Schwester Dorina: Unsere Gründerin, Mutter Bernarda, hat immer an den Wert einer integralen Bildung als grundlegendes Instrument zur Evangelisierung und Verbesserung der Gesellschaft in all ihren Aspekten geglaubt. 

•    Was verstehen Sie aufgrund Ihrer Kompetenz und Erfahrung unter "integraler Förderung der Person"?

Professor Mariani: Ich halte es für wichtig, die ganzheitlicheFörderung der Person als die umfassende Bildung der drei eng miteinander verbundenen Bereiche der Persönlichkeit zu verstehen, wie es das Evangelium auf kurze und knappe Weise zum Ausdruck bringt:

"Und Jesus kam voran in der Weisheit, im Wuchs und in der Gnade bei Gott und Menschen"! (Lk 2:52) 

Wir können Wuchs als Entwicklung des Leibes, Weisheit als Bildung des Intellektes und Gnade als religiöse Erziehung verstehen.

An erster Stelle steht die Entwicklung des Leibes, die körperlich-motorische Schulung. Sie ist von der frühen Kindheit an entscheidend, wenn das Kind mit seinem eigenen Körper die Welt zu entdecken beginnt. Aus der Geborgenheit des Mutterleibes entlassen staunt, berührt, bewegt, robbt, krabbelt, experimentiert das Kind, um die ganze Kraft und Schönheit des Körpers kennenzulernen und auszuprobieren – ein Körper, der wächst und sich verändert.

Weisheit ist die Frucht aus der Schulung des Intellekts. Sie fördert einen dynamischen, offenen, herzlichen und begeisterungsfähigen Verstand und erlaubt einen staunenden Blick auf die Wirklichkeit.

Die Offenheit für die Gnade hingegen wächst und reift durch die religiöse Erziehung. Es ist die Erfahrung von aufopfernder, unentgeltlicher, selbstloser, demütiger Liebe, von Selbsthingabe bis hin zum Opfer, sogar bis zum Kreuz. Und es ist die Erfahrung von Vergebung und Versöhnung, von Barmherzigkeit, und sich in Dienst nehmen lassen. Es geht darum, sich die Haltungen der Seligpreisungen zu eigen zu machen, die ihren Höhepunkt in der eucharistischen Gemeinschaft finden und uns daran erinnern, mit einer unendlichen, treuen, zärtlichen, einfühlsamen, verständnisvollen Liebe geliebt zu werden. Sie schliesst auch die Ebenen von Beziehung, Gefühl und Sexualität mit ein und gibt diesen Sinn und Bedeutung.

In und mit Gnade zu erziehen ist ein Lebensprojekt, für alles Leben hin zur Heiligkeit, die letztlich Vollkommenheit in der Nächstenliebe ist, mit allen Licht- und Schattenseiten, die zu uns gehören.

Schwester Dorina: Wir gehen Ostern entgegen, eine stark geprägte Zeit des liturgischen Jahres. 

•    Wie können wir Ihrer Meinung nach religiöse Bildung als "Osterereignis" betrachten, als einen Prozess, der uns von der Dunkelheit zum Licht, vom Tod zum Leben, von schmerzhaften Grenzen zu Einklang und Frieden führt?

Professor Mariani: Als Pädagoge kann ich sagen, dass religiöse Bildung die Grundlage ist für die Werte, die im Leben und im Alltag wichtig sind, gerade auch wenn man gegen den Strom schwimmen muss.

Sie hilft, in der Person einen Weg existenzieller Harmonie zu schaffen (eine Beziehung: Instinkt-Vernunft-Glaube), weil sie darin unterstützt, Antworten auf grundlegende und bedrängende Fragen des Lebens zu finden. Damit hilft sie letztlich auch, einen Sinn im Leben zu entdecken, in aller Komplexität, die uns begegnet.

Der Weg des Teilens und der Gemeinschaft in Kirche und Gesellschaft ist ein Prozess permanenter Selbsterziehung, der die Person schult, in allen Bereichen ihres Lebens eigenverantwortlich zu handeln.

Wenn wir die Inhalte und die Werte unserer eigenen Religion kennen und leben, fühlen wir uns begleitet und unterstützt, insbesondere in Zeiten der Prüfung, dank jener Tugenden, die in uns gefördert werden (nicht auf naive Weise): Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe.

Der religiös erzogene Mensch fühlt sich daher auf kreative Weise in die Realität eingeführt, weil er sich von "einem guten Schicksal" aufgenommen und begleitet fühlt. Sein menschliches Potenzial kommt allmählich ans Licht, und wird, mit der Zeit wachsend, für andere zu einem Licht.

Wir danken Professor Mariani aufrichtig für das, was er uns in diesem Beitrag gegeben hat, und wir weisen auf das Buch hin, auf das sich dieses Interview bezieht: 

L. Bianchini V. Mariani, «Alla ricerca dell’umano. Riflessioni e proposte per vivere in tempo di crisi”, Ancora, Mailand, 2015.

Bin ich davon überzeugt, dass es von grundlegender Bedeutung ist, sich für eine ganzheitliche Förderung der Person einzusetzen, sowie sich selbst entsprechend auszubilden. 

Unsere Gründerin, Mutter Bernarda, hat immer an den Wert einer integralen Bildung als grundlegendes Instrument zur Evangelisierung und Verbesserung der Gesellschaft in all ihren Aspekten geglaubt. 

Weisheit ist die Frucht aus der Schulung des Intellekts. Sie fördert einen dynamischen, offenen, herzlichen und begeisterungsfähigen Verstand und erlaubt einen staunenden Blick auf die Wirklichkeit.