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Lockdown - Die Herzen sind offen

Mitten in der Corona-Krise erreicht mich die Anfrage, ob ich zum Thema ökologische Prozesse / Wandlung im Zusammenhang mit Ostern einen Artikel schreiben könnte.

Nach drei Wochen Dauereinsatz in unserem Café Yucca, ein Ort für Menschen in schwierigen Lebenssituationen, bin ich voll von Eindrücken der vielen Ereignissen und Begegnungen. 

Ökologie ist mir grundsätzlich ein wichtiges Anliegen, hat aber in der jetzigen Situation für mich nicht erste Priorität. Ich nehme mir einen Tag Auszeit zur Besinnung in der Natur. Bald merke ich, wie die Anfrage und meine jetzige Situation doch sehr miteinander verbunden sind. 

Hier einige Gedanken:
Bleiben Sie zu Hause! Diesen (überlebens)-wichtigen Aufruf vernehmen wir die letzten Wochen überall. Was aber wenn jemand kein zu Hause hat? Wo soll er hin? Die Menschen am Rande der Gesellschaft sind in dieser Krisenzeit noch verlassener und einsamer. Viele leiden unter psychischen Belastungen, die nun noch stärker sind und betteln ist schwierig, ohne Menschen auf der Strasse. Für sie ist unser Treffpunkt Café Yucca da. Es ist nicht einfach, die Vorschriften des Bundes einzuhalten: 2 Meter Abstand, Hygienemassnahmen und Take Away. Mit Kreativität und vereinten Kräften können wir unser Angebot mit einer Sondergenehmigung trotzdem aufrechterhalten. 

Wir erfahren eine grosse Solidarität von Nachbarn, Freiwilligen und kirchlichen Mitarbeitern. Ein Hauswart bringt uns einen Kanister des dringend benötigten Desinfektionsmittel, das Kino in der Nähe spendet uns seine Getränke und Snacks, arbeitslose Menschen aus der Gastronomie melden sich zur Mitarbeit, Freiwillige bieten Fahrdienst an und sammeln für unsere obdachlosen Gäste Schlafsäcke usw.

Auch die Fürsorge unter den Gästen ist gross, kommt einer nicht mehr regelmässig vorbei, rufen sie ihn an. Besonders berührt hat mich ein Anruf einer älteren Passantin. Sie erinnert uns daran, dass morgen ein Gast Geburtstag hat. Spontan bildet sich eine kleine Gruppe, die eine Karte schreibt, jemand spendet eine Tafel Schokolade und zwei verzieren das Geschenkpapier. Die Vorfreude ist sichtlich zu spüren und erst recht die leuchtenden Augen des Geburtstagskindes am nächsten Tag.

In einer schwierigen Zeit fördern all diese Erfahrungen den Zusammenhalt auch innerhalb des Teams. Es verstärkt sich das Netzwerk in der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Wandlung und Wachstum geschieht!

Auf meinem Spaziergang sehe ich die Parallelen, die Natur spriesst und grünt. Sie folgt ihrer inneren Uhr und knospt und blüht. Die Menschen sind in ihren Gärten, bereiten die Beete vor. Die Samenzüchter/-händler werden mit Bestellungen überrannt. Gerade in dieser Corona- Krise oder trotzdem glauben die Menschen an eine Zukunft, sie sähen neues Leben.

Gehen wir barfuss mit unsern Herzen durch den Alltag, so geschieht verwandelnde Gegenwart (transformierende Präsenz)! 
                                                                                                                                                        Sr. Judith Hunn    4. April 2020
 

 

MIT OFFENEM HERZEN
Wer über die Erde geht mit offenem Herzen, 
sieht Formen und Farben, 
unendlich mannigfaltig, und hört Stimmen, 
leise oder laut, 
klingend oder klagend, 
drohend, warnend, lockend.

Alles, was lebt, hat eine Stimme. 
Wer ihr antworten will, 
muss abseits gehen und hören, 
was er auf einsamen Wegen vernimmt, 
auf der Tagseite der Welt und auf ihrer Nachtseite, 
wo sie schön ist und wunderbar 
oder schrecklich und rätselhaft. 
Abseitsgehen ist nötig.
                                                 Jörg Zink